2014/06/29

Gedanken: Iss weniger!

Kommentare:
 
geschrieben von Caro

Wer anhand des Titels schon Magenschmerzen bekommt, sollte hier aufhören zu lesen. Thema: bewusstes Hungern.
Anmerkung: Folgender Text distanziert sich ausdrücklich von einer bestimmten Gesellschaftsschicht, ist äußerst zynisch formuliert und dient nicht der Beleidigung, sondern der Aufklärung.

Foto: Laura. Bearbeitung: Caro.

Ich sitze hier und schiebe mir unbewusst ein Stück nach dem anderen meiner weißen Schokolade in den Mund. Wieso lese ich diese Blogs? Wieso verfolge ich mit Argusaugen jede dieser selbstzerstörerischen Aussagen? Es gibt nur einen Grund: Eine Mischung aus Ekel und Mitleid.

Im Rahmen dieser Recherche war ich in der letzten Zeit häufig auf Blogs zur Verherrlichung von Gewichtsminimierung unterwegs. Ich vermeide bewusst die spezifischen Ausdrücke, welche dort benutzt werden, denn das hier soll keine Werbung sein. Im Gegenteil.
Ich will sensibilisieren für ein Thema, dass genau wie Depressionen, Sucht oder andere psychische Erkrankungen tot geschwiegen wird. Sicherlich wissen die meisten Bekanntenkreise dieser Blogger nicht, dass diese an ernsten psychischen Krankheiten leiden und was in diesen Blogs propagiert wird.
Freundlicherweise bekomme ich in diesem Post Unterstützung einer Person, die selbst Probleme mit einer Essstörung hat, gegen diesen Zustand ankämpft und selbstverständlich anonym bleiben wird. Den Text dieser Person werdet ihr im Anschluss in kursiver Schrift finden. 

Man liest nur, dass das Nicht-Essen das Leben erst lebenswert mache. Aber meine Fresse, euer Leben besteht nur aus dem Thema "Wie vermeide ich es zu essen?" und das nennt ihr lebenswert? Jeder Mensch muss auch schlafen, Verdautes abwerfen (bei verminderter Lebensmittelaufnahme sicherlich auch irgendwann bei 0% angelangt), lachen, (Tag)träumen, unbeschwert sein, lieben.
Ihr beschränkt eure ganzen Möglichkeiten auf diesen Aspekt des Lebens und hetzt einem (und das ist unanfechtbar) von anderen Menschen aufgesetztem Schönheitsideal hinterher. Ihr lebt nicht euer Leben, sondern das einer Person, die ihr nicht seid, aber sein wollt.
Innerlich brodelt es in mir voller Wut. Nicht gegenüber euch und euren Gedanken, sondern Wut auf die Leute, die diese Ideale am Leben erhalten wollen und das Leben anderer Menschen in so einem negativen Ausmaß beeinflussen.
Ihr, die an dieser Krankheit leidet und euch innerlich wirklich wünscht, dem zu entkommen und diesem Wahn nicht nachzugeben; ihr habt so viel mehr verdient als das! Es gibt hier draußen so viele Menschen, die euch für das lieben werden, was ich seid - und nicht für das, was ihr sein wollt.

Ich bin glücklich darüber, dass es auch sogenannte "Aufklärungsblogs" gibt von Betroffenen, die an dieser Krankheit leiden, sie erkannt haben und andere davor warnen möchten. (Das grenze ich strikt von eben beschriebenen "Verharmlosungen" ab.)
Leider sind diese in der absoluten Unterzahl und selbst mir fällt es als Sarkasmuskünstlerin schwer, auf diesen Blogs herauszulesen, ob man sich nun für oder gegen diese Art von Blogs ausspricht... Mit fragwürdigen Online-Selbsttest wird sogar errechnet, dass man durchaus eine „gesunde Selbstwahrnehmung“ innehat. Direkt im Anschluss wird jedoch darauf hingewiesen, dass man noch schlanker werden will, um gerade mal durch einen Türschlitz zu passen.

Komischerweise ist mir keine einzige Person aufgefallen, die sich auf ihrem eigenen Blog so präsentiert wie es auf sozialen Netzwerken (mit Selfies) üblig ist, obwohl diese offensichtlich sehr stolz auf ihr Aussehen und ihre Tätigkeiten ist.
Fast durchweg wird davon gesprochen, dass man diese Lebenseinstellung "nicht verharmlosen" will und man nicht zu 100% dazu gehöre, ergo: Es noch unter Kontrolle hätte und weiterhin einem gesunden Gewicht hinterher arbeite.
Die folgenden Auszüge aus diversen Blogs lassen jedoch etwas anderes vermuten.

  • Profilbild auf dem ein Mädchen auf den Gleisen sitzt und es naht ein Zug heran. - "Das" Lebensziel verfolgen. Wieso dann ein Gleis-Bild mit einem herannahenden Zug?
  • Zitat "Gefühl der Sicherheit (geschlossene Gesellschaft -> Vertrautheit)" - Auch Sekten sind wegen ihrer Nicht-Toleranz der "Außenwelt" bekannt. Gesunde Personenkreise werden dir auch mal Kontra geben, welches nicht mit Hass oder Ablehnung zu tun hat, was ihnen sicherlich nachgesagt wird.
  • Zitat "Ich sage dir eines: Du wirst nicht essen! Du bist es nicht wert, irgendetwas zu essen! Du bist fett! Jawohl. Fett, fett, fett. FETT! Schau dich doch mal an!" - Niemand, der sich in Wirklichkeit für dein Wohlbefinden (und eine gesunde Selbstliebe) interessiert, würde dich so betiteln und mobbingähnliche Aussagen treffen!
  • Zitat "Adipöse, ihr seid nicht besser, aber wir haben euch trotzdem lieb. Wir würden uns nicht hinstellen und euch diskriminieren, weil wir wissen, wie es ist, wegen seines Gewichts angestarrt zu werden. Aber wir wollen ebenso wenig denunziert werden für etwas, das nur unsere Entscheidung ist." - Hier sollte definiert werden, ob es sich um "eigene freiwillige Entscheidung" oder nicht etwa "Akzeptanz der unveränderlichen Situation" handelt. Verallgemeinerungen sind sehr zahlreich in diesem Metier.
  • Zitat "Nichts schmeckt so gut wie sich dünn sein anfühlt." - Nichts schmeckt mir so gut wie ein voll ausgekostetes Mahl, das ich ohne Reue verspeise (und nicht rückwärts esse), trotzdem gehöre ich zu den normalgewichtigen/schlankeren Menschen. Welche Erklärung habt ihr jetzt? Ach stimmt, in euren Augen wäre ja sogar ich fett...
  • Zitat "Wir machen Skelette zu Göttinnen und schauen sie an, als ob sie uns beibringen könnten, keine Bedürfnisse mehr zu haben!" - Genauso gut wie nach einer missglückten Lobotomie, danach habt ihr auch keine Bedürfnisse oder Gefühle mehr.
  • Zitat "Gott hat dem Menschen die Fähigkeit gegeben, seinen Körper verändern." - In erster Linie sollte man seine Gedanken verändern und nicht alles glauben, was man denkt.
  • Zitat "Kalorien machen nicht glücklich." - Eine leere Kloschüssel aber auch nicht. ("Wer sagt, Sex ist das geilste, der war noch nie so richtig kacken.")
  • Zitat "Nur die armen Kinder aus der dritten Welt dürfen sich unterernährt fühlen und Selbstmitleid haben. Du nicht!" - Wieso wünscht ihr einem Menschen, der ein gutes Leben hat, dann solche Qualen?
  • Zitat "Was man heimlich isst, trägt man in der Öffentlichkeit zur Schau." - Ich kann mich nicht erinnern, eine geile Sau gefressen zu haben.
  • Zitat "Ich hungere mich nicht aus, ich perfektioniere meine Seele!" - Deine Seele ist demnach von möglichst geringem Umfang, wirft wenig Schatten auf andere und kann nichts ins Rollen bringen? Ah ja, sehr erstrebenswert.

Mögen meine Antworten sarkastisch oder zynisch herüber kommen: Genau darauf habe ich es angelegt. Werden auf diesen Blogs den "Übergewichtigen", zu denen ich auch zählen würde, die Worte im Mund verdreht, dann kann das genauso anders herum laufen. Gleiches mit Gleichem besiegen funktioniert hier nicht, deshalb sollte man sich beide Seiten anhören und sich seine eigene (nicht von vorgelebten Rahmenentscheidungen geprägte) Meinung bilden.

Dass diese Lebenseinstellung ohne Hinterfragen angenommen wird, ist schon schlimm genug. Aber nicht einmal zu überlegen, was der Auslöser für diese verzweifelte Suche nach Anerkennung („Aufnahme“ in diese Gemeinschaft) sein könnte, finde ich noch viel bedenklicher. Selbst Menschen, welche aus psychischen Gründen einen extremen Gewichtsverlust erleiden, diese Situation nicht ändern können oder wollen, werden ohne Diskussion von dieser Gemeinschaft der Blogger ausgeschlossen und sogar als „falsch“ betitelt.
Ist dies nicht auch schon eine Art von Ausgrenzung und sogar Mobbing?! Wo beginnen die Grenzen, um als anerkannter „Abnehmer“ zu gelten? Alles ist diffus und mit Floskeln definiert. Wer den Weg heraus geschafft hat, wird als Bedrohung der „Aktiven“ angesehen und als Verräter dargestellt. Wieder ein Indiz wie es sektenähnliche Gemeinschaften mit Aussteigern halten.

Wer freiwillig auf's essen, trinken, atmen, fühlen und laufen verzichtet, der verzichtet freiwillig auf's Leben und sich selbst zu lieben.
Niemand deiner wirklichen Freunde und Menschen, denen du vertrauen kannst, würden dir Rahmen setzen, in denen du als "schön" gelten würdest und der definiert, wann dein Leben dich erfüllt.
Mit diesem Text werde ich mir sicher keine Freunde machen, aber das Risiko gehe ich ein. Ich werde mich auch nicht rechtfertigen, warum ich so denke; ich will lediglich, dass diese Themenblogs nicht verschwiegen werden, sondern Aufklärung betrieben wird.

Ich wünsche mir, dass sich diese Menschen einmal aus den Augen anderer gesunder Menschen sehen, sich selbst hören und begreifen.

Meine weiße Schokolade versteht mich nicht, so wie ihr euch mit eurer ungesunden Lebenseinstellung rechtfertigen würdet. Aber ihr versteht mich auch nicht.
Herzlichst, mit großem Hunger auf eure Kritik,

P.S.: Sollte es ernst gemeinten Redebedarf von jemanden geben, der sich sonst nicht traut, mit Vertrauenspersonen aus seinem Umfeld darüber zu reden, der kann mir gerne eine E-Mail zukommen lassen. Ich bin für euch da, höre zu und versuche zu helfen.

Wir distanzieren uns von allen Aussagen, die die hier aufgeführten Zitate der benannten Blogs ausdrücken.




Hier der Nachtrag meines Gastschreibers.
Aus den Augen der genannten Blogger vielleicht ein "Verräter".
Aus meinen Augen eine liebenswerte und starke Person, der ich alles Glück und baldige Genesung wünsche. ♥
"Ich möchte gleich zu Anfang festhalten, dass ich zwar schon von dieser Art Blogs gelesen, sie mir aber noch nie angesehen habe und das auch nicht tun werde. Aber ich möchte mich kurz zu dem Thema Anorexia Nervosa (Magersucht) äußern.
Eine Essstörung ist eine ernstzunehmende Krankheit und sollte auf keinen Fall verharmlost werden. Man sollte aber bei der Be- und Verurteilung von Personen, die an dieser Krankheit leiden, vorsichtig sein. Schließlich ist immer der Hintergrund und damit die Ursachen zu hinterfragen. 
Man muss unterscheiden zwischen diejenigen, die einem Ideal hinterherlaufen und der Meinung sind, es sei erstrebenswert, nur noch Kleidergröße 32 oder weniger zu tragen. Bei anderen (wie bei mir) rührt es von schlechten Erfahrungen und negativen Erlebnissen her, die mich haben an mir zweifeln lassen, weshalb meine Selbstwahrnehmung stark beeinträchtigt war. Es hat dazu geführt, mein Essverhalten massiv zu kontrollieren und auf mich und meine Umwelt genau zu achten.
Es ist keine Zeit, an die ich mich gern zurück erinnere. Es hat ungeahnte physische und psychische Veränderungen mit sich gebracht, die ohne ärztliche Hilfe nicht zu bewältigen waren und sind.
Es ist nicht zu beschreiben wie unerträglich der Zwang ist, ständig über Essen nachdenken zu müssen.
Verflucht, es sollte wichtigeres geben als Kalorienzählen."

Kommentare:

  1. Super wichtiges Thema!!! Toll geschrieben und so viel wahrheit drin. Es ist wirklich unglaublich wie verschoben die welt-/selbstsicht mancher menschen ist. Ich finds super dass ihr solche themen aufgreift!

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  2. Wow echt ein toller Beitrag :) Man sieht sollten solche Beiträge auf Blogs! :)

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  3. Ich muss zu geben ich hab jetzt nicht den ganzen Text gelesen aber ich sitze hier gerade im Cafe mit meinem New York Cheesecake und lasse es mir schmecken :D Diese ganzen Leute, wie du oben beschrieben hast (auf den Gleisen sitzen, Zug fährt heran) need to get over themselfes and nicht immer künstliche Dramen produzieren. So tired of it. Think happy thoughts, you deserve it! and now good vibes only :)

    Phie

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  4. AUA. "Adipöse, ihr seid nicht besser, aber wir haben euch trotzdem lieb." - wie groooßzügig o.O Ich finde solche Blogs auch total daneben, aber man kann schon schneller in so ein komisches Schema abrutschen als man denkt... Ich z.B. war immer zufrieden mit meiner Figur, bin auch nie auf die Waage gestiegen (hey, solange meine Kleider noch passen... ^_^), hab mich gesund ernährt, aber mehr so automatisch, weils mir halt so schmeckt... Jetzt wurde bei mir vor kurzem eine Fehlfunktion festgestellt und ich muss einer ärztlich verordneten Diät folgen - plötzlich gibt es sowas wie "sündigen" und "böses Essen" und so einen Mist, das ist schon schräg, wie viele Gedanken man sich um so etwas Simples wie eine Mahlzeit machen kann, wenn man einmal damit anfängt o.O

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  5. Unglaublich toll Geschrieben!!!
    Wahnsinn :)

    Liebst, http://dilanergul.blogspot.co.at/

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  6. Ein wirklich guter Beitrag!

    Ich war schon öfter auf solchen Blogs und jedes Mal frage ich mich, warum ich das eigentlich mache. Einerseits macht es mich so traurig solche Dinge zu lesen und andererseits frage ich mich einfach nur mehr, ob manche das wirklich ernst meinen, was sie so von sich geben.

    Jedoch kann ich das alles bis zu einem gewissen Grad sogar verstehen. Zumindest, warum es bei manchen zu einer Essstörung kommt. Man eifert einem von unserer tollen Gesellschaft geschaffenem Schönheitsideal nach, denkt ständig daran, sein heiß begehrtes Ziel zu erreichen, denn irgendwie will doch jeder einfach "schön" sein. ABER etwas dafür tun wollen die Wenigsten.
    Und das ist das, was mich am meisten aufregt. Irgendwann müssen die Betroffenen doch die Augen vor der Realität öffnen und zugeben, dass eine Diät oder der Essen-Kotzen-Teufelskreis zu nichts führen - höchstens einen Jojo-Effekt herbeiführen. Wenn man wirklich was für seinen Körper tun will, sollte man darauf achten regelmäßig und abwechslungsreich zu essen und da gehört für mich immer wieder auch definitiv Schokolade, Pizza und Burger dazu. Denn für mich gibt es einfach (fast) nichts Besseres als ein richtig gutes, am besten selbstgekochtes Essen, das ruhig mal auch mehr Kalorien haben darf. Dann noch ein bisschen Sport hin und wieder und eine gute Figur und ein gesunder Körper ist schon längst in Sichtweite.

    Was mich aber auch total aufregt sind diese neuen Mode-Diäten. Ich kann das ganze Low-Carb, South-Beach-Diät oder die noch bessere Körperentgiftung, wo man sich 3 Monate nur von selbstgepressten Säften ernährt, nicht mehr hören. Und wenn ich dann noch wo lese, dass diese ganzen Sachen ja ach-so-gesund sind, bekomme ich wirklich die Krise.
    Wie kann man nur so einen Schwachsinn verbreiten?

    Ich denke, im Großen und Ganzen ist Aufklärung wichtig. Nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für den Rest der Gesellschaft. Wie sollte man damit umgehen, was kann man tun, wie kann man helfen.

    So ein Post ist wirklich schon ein großes Schritt in die richtige Richtung - zumindest meiner Meinung nach.
    Es ist wichtig, dass man solche Dinge nicht totschweigt, sondern darauf aufmerksam macht.

    -Eden
    [www.sexbooksandheavymetal.com]

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  7. wow ein spannender und mitreißender artikel mit dem sich jedes mädchen und junge identifizieren kann. aussagekräftig und genau! toll

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